Kleinod zwischen Äckern – die Kute bei Ketzür
Von Landwirtschaft geprägt - Kute - biologische Vielfalt - Tongrube - mehr als 30 Vogelarten - verschiedene Strukturen - EU Vogelschutzgebiet - Finnland - Asien - Netz von Lebensräumen
(AK) Wer durch die offene Landschaft der Beetzseeheide fährt, erlebt eine Region, die stark von Landwirtschaft geprägt ist. Das gilt für Brandenburg insgesamt: 2024 wurden fast 1,3 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzt – knapp 45 Prozent der Landesfläche. Rund drei Viertel dieser Fläche waren Ackerland, der Rest Grünland. Gerade in solchen Landschaften gewinnen kleine Feuchtgebiete, Röhrichte und extensiv genutzte Wiesen eine besondere Bedeutung. Die „Kute“ bei Ketzür zeigt eindrucksvoll, wie viel biologische Vielfalt auf wenigen Hektar Platz finden kann.
Die Kute ist kein ursprünglicher See. Sie entstand aus einer ehemaligen Tongrube, in der seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Material für die Ziegeleien am Beetzsee gewonnen wurde. Nach dem Ende des Abbaus füllte sich die Grube mit Wasser. Heute umfasst der Teich rund zwei Hektar; zusammen mit den angrenzenden Flächen hat das Grundstück im Eigentum der Stiftung rund 4,2 Hektar. Die Umgebung wird extensiv genutzt: Beweidung, in der Regel nur eine Heumahd im Jahr und im Winterhalbjahr oft monatelang überstaute Wiesen schaffen ein Mosaik aus offenem Wasser, Flachwasser, Schilf und Grünland.
Gerade dieses Nebeneinander unterschiedlicher Strukturen macht die Fläche so wertvoll. Die Stiftung hat dort mehr als 30 Vogelarten dokumentiert. Dazu gehören Kranich, Kiebitz, Knäkente, Krickente und Löffelente, aber auch Rohrdommel und Zwergdommel, Rohrweihe, Schwarzhalstaucher, Bruchwasserläufer, Fischadler, Seeadler, Schwarz- und Weißstorch. Bläss- und Weißwangengänse nutzen die Fläche auf dem Zug. Fotos belegen zudem Graureiher mit Hecht, Fuchs und Schwanzmeise. Die Liste ist keine vollständige Arteninventur – sie zeigt deshalb eher die Untergrenze dessen, was die Kute beherbergt.
Warum ausgerechnet eine so kleine Fläche eine solche Vielfalt ermöglicht, lässt sich ökologisch gut erklären. Viele Arten benötigen nicht „den einen“ Lebensraum, sondern verschiedene Strukturen dicht nebeneinander. Watvögel suchen in flachem Wasser nach Nahrung, Enten brauchen offene Wasserflächen, Röhrichtbewohner Deckung und Brutplätze, Greifvögel profitieren vom Nahrungsangebot. Extensives Grünland wiederum bietet Insekten, Samen und Kleintieren Lebensraum und damit Nahrung für zahlreiche Vogelarten. Das Landesamt für Umwelt Brandenburg betont, dass für den Erhalt von Arten nicht nur einzelne Biotope, sondern auch ihre Qualität, Größe, Vernetzung und Entfernung voneinander entscheidend sind.
Genau darin liegt eine zweite Stärke der Kute. Sie gehört zum EU-Vogelschutzgebiet „Mittlere Havelniederung“ und wirkt zugleich als Trittstein in der Agrarlandschaft. Zugvögel können hier rasten und Energie aufnehmen, andere Arten finden Rückzugs-, Nahrungs- oder Fortpflanzungsräume. Unter den hier rastenden Vögeln war erst kürzlich ein in Finnland beringter Kranich. Die hier regelmäßig den Winter verbringenden Blässgänse kommen von der Eismeerküste - hinterm Ural - also aus Asien. Anschauliche Beispiele dafür, wie ein kleiner Teich Teil eines weit über Brandenburg hinausreichenden Netzes von Lebensräumen sein kann.
Die Kute zeigt damit, dass Naturschutz nicht erst dort beginnt, wo hunderte Hektar unter Schutz gestellt werden. Auch wenige Hektar können eine große Wirkung entfalten, wenn Wasser, Röhricht, Grünland und eine zurückhaltende Nutzung zusammenkommen. In einer von Landwirtschaft dominierten Landschaft sind solche Flächen keine dekorativen Randstücke. Sie sind Rückzugsräume, Nahrungsplätze und Verbindungsglieder eines größeren Netzes von Lebensräumen. Gerade deshalb ist die Kute ein Kleinod: klein in der Fläche, aber groß in ihrer Bedeutung für die Artenvielfalt.
