Kraniche 2019      22.1.2020

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Das Kranichjahr beginnt in Spanien. Im Sommer 2018 haben sie dort seit langen zum ersten Mal wieder eine Brut beobachtet, e i n e ! Aber im Winter sind sie  d a s  Kranichland; veranstalten regelmäßig landesweite Zählungen und haben auch die heute europaweit verbreiteten farbigen Markierungsringe eingeführt. 

 

  • 15.12.2018  266.903 Kraniche (incl. Portugal)

  • 01.02.2019  248.131 Kraniche (ohne Portugal, siehe oben)
    Zu diesen Zahlen kommen weitere ca. 100.000 Kraniche vor allem in Frankreich; aber auch in Deutschland und weiteren mitteleuropäischen Ländern.

  • am 18.02.2019 hat unser Autor hier (Brandenburg) die ersten ziehenden Kraniche beobachtet.

  • am 09.03.2019 Mail aus Spanien: der Kranichzug 2018/19 ist praktisch beendet. In Deutschland ist er noch in vollem Gange. In Brandenburg hört man sie überall, sogar noch in der Dunkelheit. Und in Skandinavien liegt noch Schnee; aber auch dort sind schon die ersten eingetroffen. 

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Diese Winzlinge sind wenige Tage alt. Wenn sie überleben, werden sie in 3 1/2 Monaten fast so groß sein wie ihre Eltern und mit diesen 1-2 Monate

später 1.000 km oder mehr fliegen.   Foto KHS

Im Land Brandenburg haben 2018 knapp 3.000 Paare gebrütet. Die guten Brutplätze - versteckt und von flachem Wasser umgeben - werden immer weniger; die extreme Trockenheit kam noch hinzu. So haben sie es beim Frühjahrszug eilig, um die besten Plätze zu besetzen und es kommt auch zu Revierkämpfen.

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Revierkampf von zwei Paaren im März 2012 bei Schwante. Einer der beteiligten Vögel ist BuBuW-WBkG, den wir schon im Beitrag "Kraniche 2018" mit seiner Biografie (seit 2005) vorgestellt haben. Wir verdanken diese außerordentlichen Fotos Herrn Dr. Ramdohr - auch an dieser Stelle herzlichen Dank!  Der genannte Kranich ist im Februar 2019 schon wieder mit Partner bei Schwante beobachtet worden - nunmehr 14 Jahre alt.

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Zusammenarbeit Litauen/Polen/Spanien: Kranichpaar und Jungvogel in Litauen besendert, so dass die ganze Familie per Satellit beobachtet werden kann. Im Herbst 2018 sind alle miteinander nach Ungarn und dann südlich der Alpen nach Spanien geflogen (rote Linie). Im Februar 2019 sind die beiden Elternvögel über Frankreich/Deutschland/Polen nach Litauen geflogen (gelb) und der offenbar schon sehr selbständige Jungvogel (blau) etwas später wieder über Oberitalien. 

Auf dem "neuen Weg" über Ungarn nicht nach Süden, sondern donauaufwärts über Süddeutschland sind erstmals im Herbst 2013 größere Kranichzahlen beobachtet worden (unser Beitrag dazu hier). 

"Orientieren" - d.h. einen Weg wiederfinden - ist das Eine. Aber neue zweckmäßige Wege einzuschlagen - ohne jemals eine Europakarte gesehen zu haben - ist noch mehr. 

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Hornborgasee 2.4.2014

Erinnerung an einen guten Freund der Kraniche und der Menschen

  • 29.3.2019 Der Hornborgasee in Südschweden ist eine große "Drehscheibe" für die Kraniche, die im Frühjahr über die Ostsee kommen und sich dann in Skandinavien verteilen. In diesem Jahr herrscht dort seit einer Woche Hochbetrieb - früher als sonst. "Tran dansen" (Tanz der Kraniche) ist alljährlich touristischer Höhepunkt mit bis zu 150.000 Besuchern. Für die Vögel wird 2 x täglich Futter gestreut. Sehen und hören Sie selber
     

  • 24.9.2019 Die erste Zählung in diesem Herbst. Gesehen haben wir 11.500 Kraniche - es waren aber weit mehr - dicker Nebel
    Der Herbstzug scheint in diesem Jahr früher als sonst zu beginnen. Schon seit Wochen melden benachbarte Plätze wie z.B. Hornborgasee/Schweden und Warthe-Nationalpark/Polen An-sammlungen von mehreren Tausend. Das Wasser für unseren großen Schlafplatz ist noch knapper als 2018. Jetzt - 2019 - gibt es nur noch eine "Reserve" bei der Wasserstraßenverwaltung.
     

  • 1.10.2019   32.321 - und noch viele im Schlafplatz. Am 3.10.2019 waren es in Hortobagy/Ungarn, dem anderen großen Rastplatz in Europa, schon 128.000. Hortobagy ist Teil der baltisch-ungarischen Route. Zwischen beiden Routen gibt es regen Austausch, wie die Satelliten-Telemetrie der letzten Jahre zeigt. Fliegen mehr von "unserer" Route jetzt über Ungarn oder ziehen sie bei uns schneller durch wegen Wasser- und Nahrungsknappheit? 
     

  • 8.10.2019  61.090 - am Sonntag (6.10.) waren während des ganzen Tages die Rufe abziehender Kraniche zu hören - aber es sind noch mehr neu dazu gekommen. Die Freunde vom Hornborgasee in Schweden melden schon das Ende ihrer Herbstzählungen. Nach einem Saisonmaximum von 18.000 Kranichen waren dort am 7.10.2019 nur noch 410.

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11.10.2019 Familie mit zwei Jungen - in diesem Jahr äußerst selten. "Normal" sind zu dieser Jahreszeit etwa 10-15 Jungvögel unter

100 Kranichen; durch die große Trockenheit 2018 und 2019

aber eher weniger. In den letzten 30 Jahren haben sich die Kraniche 

auf der westeuropäischen Route um etwa 6 % pro Jahr vermehrt.

Typisch auf diesem Foto ist, dass sich diese kinderreiche Familie

noch von der größeren Gruppe im Hintergrund fernhält. Die Jungvögel werden erst nach und nach "in die Gesellschaft eingeführt".  

  • 15.10.2019   55.218  (bis 09:30 Uhr zur Nahrungssuche ausgeflogen und gezählt 40.218; zum Teil Sichtbehinderungen durch Nebel; nach 09:30 noch im Schlafplatz und möglicherweise heute noch abziehend geschätzt 15.000)
     

  • 22.10.2019  72.044 (bis 09:30 Uhr zur Nahrungssuche ausgeflogen und gezählt 52.044; zum Teil wieder Nebel; nach 09:30 Uhr noch im Schlafplatz stehend geschätzt 20.000)

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22.10.2019 9:04: Eigentlich haben wir die vom Schlafplatz kommende Gruppe "nur so" fotografiert, weil die Morgensonne sie beleuchtet hat. Erst auf dem Foto haben wir bemerkt, dass hier eine Familie mit zwei Jungen sogar in der Luft noch ganz dicht beinander ist und deutlichen Abstand zu den anderen hält.

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29.10.2019 Schon zum dritten Mal in diesem Herbst verhindert Nebel eine ordentliche Zählung. Gesehen und gezählt bis 9 Uhr haben wir nur 11.394 Kraniche; zur Nahrungssuche ausgeflogen sind aber viel mehr. Und nach Ende der Zählung standen im Schlafplatz noch ca. 30.000 Kraniche.

Das Erfreuliche an unserem Foto: in den Gräben ist wieder Wasser!

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30.10.2019: Über Westeuropa zieht sich ein breites Band von Kranichen. In Deutschland sind es noch ca. 80.000; im NO Frankreichs haben sie am 30.10. 194.000 gezählt (Lac du Der) und über die Niederen Pyrenäen (Atlantikküste/Frankreich/Spanien; Foto) ziehen seit Tagen die ersten Tausende. In ein bis zwei Wochen wird die Mehrzahl in Spanien sein.  

  • 3.11.2019 Die Kranichfreunde vom Lac du Der (NO-Frankreich) haben heute 268.120 gezählt. So viele sind dort noch nie beobachtet worden. Vermutlich hat sich ein Stau gebildet, denn eine Kranichfreundin aus SW-Frankreich (von wo aus die meisten die Pyrenäen überqueren) berichtet von Sturm und Regen.
     

  • 5.11.2019  nur noch 12.854; in diesem Jahr haben sie es eilig.

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5.11.2019: Solche Fotos soll man eigentlich gar nicht zeigen - aber der braune Fleck auf dem Heuballen ist ein Seeadler! Die waren zu zweit. Als der erste zu dem Ballen flog, sind die Kraniche eng zusammengerückt und haben alle die Hälse nach oben gereckt.

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5.11.2019: Unter 100 Kranichen, die bei der Herbstrast in Linum beobachtet werden, sind etwa 30 Noch-nicht- oder Nicht-mehr-Brütende (Geschlechtsreife nach ca. 3 Jahren). Die anderen 70 = 35 Brutpaare legen alljährlich im Schnitt 2 Eier pro Paar, also insgesamt 70 Eier. Von denen waren 2013-2019 jeweils im 1. Herbst - also nach 5-6 Monaten - nur noch 8-12 Jungvögel "übrig". In der Tabelle oben sind diese Prozente nur aus den Oktoberbeobachtungen ermittelt, weil die Menge zu dieser Zeit am größten und die Aussage daher am ehesten repräsentativ ist. 
Das ist wieder eine großartige Arbeit unseres Freundes Moriz Rauch. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit seiner Frau zur Zeit der Rast mehrere Tage der Woche im Gebiet unterwegs; wenn nötig an den ungemütlichsten Plätzen, anfangs auch mit Antenne und Empfänger für die Peilsender; zum Entdecken und anschließenden Melden beringter Kraniche und ganz "nebenbei" auch noch zum Ermitteln der Jungenanteile wie oben. Das ist nicht bloß "Citizen Science", sondern "Science". Viele der Kenntnisse über die Kraniche in unserem Gebiet verdanken wir den beiden Rauchs.   

  • 12.11.2019   11.845 und das war es für dieses Jahr mit dem regelmäßigen Zählen. Je nach Witterungsverlauf werden wieder ein paar tausend von ihnen bei uns überwintern.

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Im Herbst 2019 war das Rastmaximum in Linum am 22.10. mit über 72.000 Kranichen. Wenn auch die Zahlen stark schwanken -

das "Rekordjahr" 2014 war ein Ausreißer nach oben. Die anderen Jahre ergeben insgesamt ein "normales" Bild. (Diagramm M. Rauch)  

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In ornitho.de kann jeder seine Kranichbeobachtungen eingeben. Das Bild zeigt die Beobachtungen vom 1.9. bis 25.11.2019. Mehrfachbeobachtungen sind die Regel (gleichzeitig durch mehrere Beobachter am gleichen Ort oder Beobachtungen des gleichen Vogelschwarms nacheinander an verschiedenen Orten). Die Summe der Beobachtungen ergibt daher ein Vielfaches der tatsächlich dort geflogenen Kraniche.  Dennoch sind Aussagen möglich; z.B. Trends im Vergleich mit anderen Jahren und Verlauf der Zugwege.    

Diskussion: In den letzten Jahren sind die Beobachtungsmöglich-keiten immer weiter verfeinert worden; zuletzt durch Ausstattung der Vögel mit ultraleichten Satellitensendern, die eine fast ständige Beobachtung und Aufzeichnung ermöglichen. 

Hierdurch müssen einige klassische Lehrmeinungen zu Grabe getragen werden, z.B. von der strikten Trennung der "westeuropäischen" von der "baltisch-ungarischen" Route (s.o.). Auch eine "Zugscheide" zwischen diesen Routen, die man bis vor etwa 10 Jahren irgendwo in Polen vermutete, wird nicht mehr gesucht.

Immer noch Standard ist die Lehre von den zwei Zugrouten über Deutschland: einer "nördlichen" (Ostsee-Diepholz-Aachen) und einer "südlichen" (Linum-Helmestausee-Lahntal-Frankfurt am Main). Diese Ansicht stützt sich auf solche Beobachtungen wie z.B. in der obigen ornitho-Karte, auf der ja tatsächlich die beiden von NO nach SW verlaufenden breiten roten Streifen durch ein schmaler werdendes, lückenhaftes grünes Band getrennt erscheinen. Dieses Band entspricht in Norddeutschland dem Raum zwischen den großen Rastplätzen und im Westen dem Rothaargebirge (Kahler Asten 841 m) und dem Kammverlauf der Eifel (Hohe Acht 747 m).  Die Kraniche hätten zwar kein Problem damit, solche Höhen zu überfliegen (im Himalaja fliegen sie über 4.000 m hohe Pässe), aber sicher fliegen sie lieber über flaches Land als über die Höhen. Aber genau so werden sie im flachen Land auch von mehr Leuten beobachtet als von einsamen Wanderern auf den Kämmen der Mittelgebirge.

Ferner zeigt die ornitho-Karte wieder eine große Zahl von Beobachtungen über Süddeutschland. Diese Kraniche sind wahrscheinlich in Ungarn von der nach Süden führenden "baltisch-ungarischen" Route abgezweigt und fliegen nördlich und südlich der Alpen nach Frankreich und Spanien (vgl. hier unseren früheren Beitrag).

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20.12.2019 Alljährliche landesweite Zählung in Spanien (ohne Portugal) ergibt 222.926 überwinternde Kraniche.
Mit dem Dank an die fleißigen spanischen Kranichfreunde schließen wir unsere Chronik 2019.