Das war unser Beitrag zur Demo am 20.1.2018 in Berlin - natürlich waren wir auch dort. Die Gretchenfrage: schon aus ethischen Gründen lehnen wir die überwiegend industrielle Bearbeitung unserer Felder und Wiesen (mehr als die Hälfte unserer Landesfläche) ab. Aber: könnte denn eine ökologische Landwirtschaft 7,6 Mrd. Menschen (Stand 2.1.2018 und immer noch wachsend) ernähren?

 

Hierzu gibt es u.a. den Weltagrarbericht (UN und Weltbank 2008), UNEP 2011, UNCTAD 2011 und sogar Deutsche Bank 2009 - sie alle kommen zu dem Ergebnis, dass die Zukunft der Landwirtschaft nachhaltig und ökologisch sein muss. Der Weltagrarbericht hat 2.000 Seiten. Die Fakten aus diesem Bericht sind in zwei Büchern von Felix zu Löwenstein (studierter, aktiver Landwirt und Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW) aufbereitet. Wir haben uns an diese gehalten. Natürlich können wir auf ein paar Seiten nicht "beweisen", dass die ökologische Landwirtschaft die Welt ernähren könnte  aber alles, was wir dazu gelesen haben, ist plausibel, anhand der Quellen nachprüfbar und passt zu allen übrigen Erfahrungen.

 

Reserven hinsichtlich Menge 

 

  • Dass in den "reichen" Ländern so viele Lebensmitel weggeworfen werden, ist bekannt ("Taste the waste"). Über alle Stufen (vom Acker über Verarbeitung, Transport, Handel und Verbraucher) beträgt der Verlust weltweit unglaubliche 50 %, und zwar auch in den "armen" Ländern, dort infolge fehlender Infrastruktur (Straßen, Transport, Lagerung, Kühlung). 
     

  • Etwa die Hälfte der Fläche Deutschlands wird von der Landwirtschaft genutzt (12 Mio. ha Äcker, 6 Mio. ha Grünland). Auf 60 % der Ackerfläche wird nur Viehfutter angebaut. Da das für unsere enorme Viehhaltung noch nicht ausreicht, kommen noch rd. 84 Mio. ha aus USA, Argentinien und Brasilien hinzu, auf denen Soja für die deutsche Fleisch-, Milch- und Eierproduktion erzeugt wird. - Weltweit werden 2017 ca. 2,1 Mrd. Tonnen Getreide geerntet; davon werden 900 Mio. Tonnen als Futtermittel verwendet. - Für die "Erzeugung" von 1 kg Schlachtgewicht werden bei Schweinen 2,8 kg und bei Rindern 5,8 kg Futter verbraucht.
     

  • Von den schon genannten rd. 12 Mio. ha Ackerfläche in Deutschland werden auf 2,7 Mio. ha (22 %) "Energiepflanzen" (Mais und Raps) für die "Biogas"anlagen angebaut. Auch das ist eine Reservefläche für die menschliche Ernährung. In diesen Anlagen sollten ursprünglich nur Abfälle vergoren werden und nicht eigens dafür auf großen Flächen zusätzlich angebaute Pflanzen.
     

  • Bei Ertragsvergleichen ökologisch./.konventionell arbeitet die industrielle Landwirtschaft nur mit den Erträgen pro ha. Das ist irreführend, da auf diese Weise nicht der ungleich höhere Verbrauch an Dünger, Spritzmitteln, Energie und Umweltschäden in die Rechnung eingeht.


Reserven hinsichtlich Qualität

 

  • Der natürliche Boden ist ein lebendiger Organismus, in dem Wachsen und Vergehen in einem Kreislauf nur durch Wind, Sonne, Regen und die Jahreszeiten beeinflusst werden. Die Prozesse halten sich selbst im Gleichgewicht und gesund. Bei Bewirtschaftung durch den Menschen muss mit dem Bodenleben behutsam umgegangen und an  Nährstoffen nur zugeführt werden, was bei der Ernte entnommen worden ist. So etwa ist die Idealvorstellung bei ökologischer Bewirtschaftung. 
     

  • Für die industrielle, chemiebetonte Landwirtschaft ist der Boden nur das Substrat, in dem sich die Pflanzen mittels ihrer Wurzeln halten (wie bei "Hydrokultur"). Das Wachstum wird für "immer mehr und immer schneller" vom Menschen gesteuert, indem er allerlei Chemikalien zuführt; ebenso werden Krankheiten und Schädlinge "bekämpft".

    Dazu ein - vereinfachtes - Beispiel: Zur Produktionssteigerung beim Getreide wird chemisch gedüngt, besonders durch zu große Mengen Stickstoff (+ Phosphor und Kalium). Durch die Düngung werden aber nicht nur die Getreidekörner größer, sondern auch die Halme länger und weicher. Das ist unerwünscht, weil diese dann weniger Wind aushalten und umknicken. Also wird dem Chemiecocktail auch noch ein "Stauchmittel" beigemischt, wodurch nur noch kurze Halme wachsen. Diese und die Ähren stehen nun dicht über dem Boden, wo es feuchter ist. Da die Zellwände infolge der reichlichen Düngung auch noch weicher sind, kann sich Schimmel leicht ausbreiten. Auch gegen den gibt es wieder ein Mittel usw. usw.

    Aus dem natürlichen Kreislauf ist nun ein Teufelskreis geworden: Ein Mittel bedingt das andere; der Landwirt braucht immer mehr davon - zur Freude der Chemiefabrik - das Bodenleben und viele andere Organismen werden abgetötet; die entstehenden Resistenzen werden mit noch mehr Chemie "bekämpft" usw. 
     

 

Wie könnte die Agrarwende aussehen?

 

  • Nur "Chemie weglassen" reicht nicht. Die ökolgischen Kreisläufe sind komplex und müssen von den Beschäftigten in der Landwirtschaft erst wieder erlernt werden.
     

  • Der viel zu hohe Einsatz an chemischen Düngern - insbesondere Stickstoff - könnte durch eine "Stickstoffsteuer" gesenkt werden. Die Mittel daraus können zur Umstellung auf ökologische Landwirtschaft eingesetzt werden. Seen, Flüsse, Grundwasser und Atmosphäre werden weniger mit Stickstoff belastet.
     

  • Entsprechendes gilt für die sogenannten "Pflanzenschutzmittel" (Insektizide, Fungizide, Herbizide); das sind die diversen giftigen Spritzmittel.
     

  • Es ist widersinnig, dass unser kleines Land Fleisch in die ganze Welt exportiert - mit Futtermitteln, die aus anderen Erdteilen herangeschafft werden. Die Tierhaltung muss an die verfügbare Fläche gekoppelt und damit deutlich reduziert werden. Damit wird das Fleisch auch teurer und es wird weniger Fleisch konsumiert (z.Zt. in Deutschland 87 kg pro Kopf und Jahr; von der Ernährungswissenschaft empfohlen 30 kg). Weniger ist mehr - nämlich sowohl von der Menge als auch von der Qualität (der Rindermagen ist für Gras und Heu eingerichtet, nicht für Sojaschrot).
     

  • Auch für die Landwirtschaft muss das Verursacherprinzip gelten; also z.B. Belastung mit den Mehrkosten der Trinkwasseraufbereitung wegen der Nitratbelastung aus der Überdüngung.
     

  • Die Bundesrepublik gibt 4 Mrd. € pro Jahr für die Agrarforschung aus, davon ganze 20-30 Mio. € (also weniger als 1 % !) für die ökologische Landwirtschaft. Das muss sich ändern.
     

  • Alle Maßnahmen sind mindestens EU-weit abzustimmen, um ungleichen Wettbewerb über die Grenzen hinweg zu verhindern.
     

  • Wir wollen nicht nur eine andere Landwirtschaft - wir müssen eine Agrarwende herbeiführen. Das jetzige Konsumverhalten in Deutschland ist so, als ob wir 3,2 Erden zur Verfügung hätten. (Für USA gelten entsprechend 5,0 Erden, für Australien 5,2 Erden und für Indien auch schon 0,8 Erden.) Alle jetzt noch "armen" Länder wollen auch so leben wie der "reiche Westen". Wenn wir uns dem nähern, bricht die Weltordnung zusammen, mit Migration und Krieg.
     

  • Der Untertitel des Löwenstein-Buches "FOOD CRASH" heißt deshalb: "Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr". 
     

  • Selbverständlich: Wenn wir eine bessere Landwirtschaft wollen, müssen wir auch bereit sein, mehr dafür zu zahlen. Es kann nicht gesund sein, dass für die Ernährung in Deutschland im Schnitt (!) nur noch 10 % des Einkommens ausgegeben werden. ("Ein Liter Motorenöl kostet doppelt so viel wie ein Liter Speiseöl.")
     

  • Es ist wie mit dem Klimawandel. Die meisten Politiker sind zu feige, ihren Wählern vermeintlich unpopuläre Maßnahmen zuzumuten, wenn man ein paar Wahlperioden auch noch wie bisher weiterwurschteln kann.
     

  • Was muss sich noch ändern? "Sie und ich". Nicht "man müsste eigentlich ...", sondern wir müssen ... jetzt weniger Fleisch essen, "Bio" einkaufen, Essen aus guten Zutaten selber zubereiten (oder das wieder lernen).
     

Literatur
 

  • Felix zu Löwenstein, FOOD CRASH Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr, München 2017, 351 Seiten
     

  • ders., Es ist genug da. Für alle.Wenn wir den Hunger bekämpfen, nicht die Natur, München 2015, 144 Seiten

Agrarwende       13.1.2019

 

"Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr"

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