Oberes Rhinluch

II. Ökologie                                    15.10.2018      

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Fotosynthese: Mit Energie aus dem Sonnenlicht bauen die Pflanzen Kohlendioxid CO2 und Wasser H2O zu Glukose C6H12O6 um und geben die "Reste" als Sauerstoff und Wasser in die Luft zurück.

Foto: Museum für Naturkunde Berlin 

Die Glukose geht in den Aufbau des Pflanzenkörpers und in ihren Energiestoffwechsel. Abgestorbene Pflanzenteile werden von Mikroorganismen wieder in ihre Bestandteile zerlegt ("mineralisiert") und der Kreislauf beginnt von neuem. Nichts geht verloren, kein "Abfall" bleibt zurück - 100 % Nachhaltigkeit.

Dieser Kreislauf wird unterbrochen, wenn - wie im Moor - die toten Pflanzenteile (oder allgemein: die tote Biomasse) im Wasser liegen. Holz z.B. besteht zu 50 % aus Kohlenstoff. Der bleibt im Moor in seinen festen Verbindungen erhalten, wird also nicht mineralisiert, und kann sich nicht mit Sauerstoff zum gasförmigen CO2 verbinden. Unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes heißt das, Kohlenstoff wird dem Kreislauf entzogen, das Moor ist eine Kohlenstoff-Senke.

Bei Entwässerung und Bearbeitung des Moores beginnt die Mineralisierung wieder. Das Volumen des trockenen Moorkörpers ist kleiner als das des nassen ("Schrumpfung"); Kohlenstoff wird wieder zum gasförmigen CO2 und entweicht ("Zehrung", pro Jahr 1 cm). 

Intakte Moore erbringen noch weitere Leistungen. Sie speichern Wasser und Nährstoffe, die sie in Trockenzeiten wieder abgeben, und sie sind Lebensraum für eine große Artenvielfalt. Diese Zusammenhänge sind lange bekannt. Schauen wir jetzt, wie es damit im Oberen Rhinluch aussieht.

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Moor im Frühjahr

NSG Kremmener See, Westwinkel

Foto K.-H. Sass, aus "Naturerbe" (s.u.)

Nach Beendigung des intensiven Torfabbaus um 1880 konnte sich die Natur erholen. Die Wasserstände waren hoch; entsprechende Vegetation breitete sich wieder aus und die Moore konnten wieder wachsen (1 mm pro Jahr). Dieser Zustand dauerte etwa 30 Jahre.

Im Folgenden zitieren wir einige markante Jahreszahlen aus der sehr gründlichen Untersuchung von KRETSCHMER (s.u.):

1882     Instandsetzung der Rhinarme als Wasserstraße

1890 ff landwirtschaftliche Nutzung nur am Rand des Luchs 

1911     Beginn Entwässerung zur landwirtschaftlichen Nutzung

1911     im Juli große Trockenheit, Moorbrände

1912-1922 Bau der Gräben A, B, C und D

1915/16 Bau von Stauwerken gegen zu starke Entwässerung

1923     1.000 ha "Neuland"; wieder (kleinere) Torfwerke

1925     große Trockenheit

              Kremmener See Naturschutzgebiet

1926     875 mm Jahresniederschläge, Hochwasser

1934     Gründung von Linumhorst, Ziethenhorst und Moorhof

1939     50 ha Übersandung bei Ziethenhorst

1940     Anlage von 75 ha Fischteichen bei Linum

1941     seit Beginn der Nutzung hat sich die Mooroberfläche um

              bis zu 2 m gesenkt (Sackung und Mineralisierung)

1945      seit Beginn der Messungen Schwankungen der Graben-

               wasserstände von + 30 cm bis - 130 cm

1957      Bau von Schöpfwerken zur künstlichen Entwässerung

1966      Erweiterung der Fischteiche auf 237 ha

1968 ff   Projekt "Komplexmelioration" sieht u.a. Bewässerung 
                auch mit Wasser aus den Mecklenburger Seen vor

1970 ff   Komplexmelioration. Versuch, alle Projekte im Luch nach
               wissenschaftlichen Erkenntnissen zu koordinieren (Ent-

               und Bewässerung, Ausbau der Grabennetze, Plasterohre,

               Staubereiche, Plattenwege) - aber natürlich mit dem Ziel 

               der Produktionsmaximierung in der Landwirtschaft.

1976      Zusammenschluss der LPG's im Gebiet zur Agrarindustrie- 

               vereinigung (AIV) Fehrbellin" mit 23.000 ha, davon 11.000

               im Oberen Rhinluch; höchste Konzentration in der Land-

               wirtschaft der gesamten DDR.

               75 % der gesamten Nutzfläche sind Intensivgrünland

               oder Acker; Anteil Nasswiesen/Moor weniger als 10 %.

               Grabenfreie Schläge bis zu 100 ha groß.

               "Schleppen" der Wiesen im März/April; mähen bis zu 4 x

               im Jahr; Saatgrünland (alle 4-5 Jahre Umbruch und 

               Neusaat mit artenarmen Grasmischungen; Stickstoffdün-

               gung im Mittel bis 150 kg/ha, Jahr. 

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Septembermorgen beim "Silo"

Am Schluss der im Jahr 2000 veröffentlichten Arbeit beschreibt KRETSCHMER (a.a.O., Seite 185 ff) die Situation wie folgt:

 

  • "fast durchgängige Verschlechterung aller Hauptfunktionen eines Niedermoores"

  • "seit den 90er Jahren ..." weitere Verschlechterung des Wasserrückhaltevermögens

  • "der derzeit weitgehend ungehinderte Abfluss der Winterniederschläge ist sowohl für den Moorboden als auch für den Biotop- und Artenschutz als weitere deutliche Verschlechterung gegenüber der in den 70er und 80er Jahren erfolgten zweiseitigen Stauregulierung zu bewerten"

  • als Folge davon fallen die Grundwasserstände in der Vegetationsperiode "weit unter 80 cm unter Flur" ab

  • "Torfbildung ... nur noch refugial im Verlandungsbereich des Kremmener Sees"

  • Rückgang der charakteristischen Brutvogelarten seit 1900 um ca. 50 % 

  • Verbesserung: "wesentlich standortangepaßtere Nutzung als vor 1990 ... durch Verzicht auf Grünlandumbruch und Saatgrasanbau sowie durch starke Reduzierung der ... Düngung und geringen Viehbesatz"

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Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

Die Verfasser der oben genannten Studie von 2000 hatten sicher die Hoffnung, dass anhand ihrer sorgfältigen, umfassenden Analysen und Entwicklungsvorschläge nun eine systematische Verbesserung der Verhältnisse einsetzen würde. Was ist seitdem geschehen?

  • 2004 Das Gebiet wird nach Einleitung eines Vertragsverletzungs-verfahrens als EU-Vogelschutzgebiet gemeldet; zusammen mit dem Havelluch 56.122 ha

  • 2007-2010 schreiben die Bundesministerien für Umwelt und für Landwirtschaft den Wettbewerb "idee.natur" aus. Der Landschafts-förderverein Oberes Rhinluch beteiligt sich in der Abteilung "Moore" und kommt in die engste Wahl. Das Projekt sieht in jeder Abteilung Fördermittel von 10 Mio. € über 10 Jahre vor. Die Prämierung des Rhinluchprojekts scheitert im letzten Moment am Widerstand des Landes Brandenburg; der "Moor"-preis geht ins Allgäu.

  • 2010 wird der Entwurf der Verordnung ausgelegt, mit der Teile des Gebiets zum Naturschutzgebiet (NSG) erklärt werden sollen. Medienkampagne ("Arbeitsplatzvernichtung" usw.). Als Folge davon kommt 2011 keine Vereinbarung über die herbstliche Vernässung des Kranichschlafplatzes zustande ("Vertragsnaturschutz"); starker Einbruch der Rastzahlen.

  • 2013 werden Teilflächen von insgesamt 2.764 ha zum NSG "Oberes Rhinluch" erklärt. Zusammen mit dem seit 1925 bestehenden NSG Kremmener Luch stehen damit insgesamt 3.949 ha unter Schutz.

  • 2016 Neues Förderinstrument moorschonende Stauhaltung  (nur Landwirte - Einhaltung relativ hoher Wasserstände unter der Oberfläche - keine Pflanzenschutzmittel - keine Stickstoffdüngung - Förderung 387 € pro ha und Jahr).

Diskussion/Kritik/Ergebnis

  1. Der Vogelschutz auf 56.122 ha lässt sich nicht sichern, wenn nur 7 % davon als Naturschutzgebiete ausgewiesen werden. Das steht auch im Widerspruch zur gesetzlichen Regelung (§ 32 (2) BNatSchG) und zur Rechtsprechung des EuGH.

  2. Die NSG-Verordnung bringt eine ganze Reihe wichtiger Verbote (z.B.: keine "Entwässerungsmaßnahmen über den bisherigen Umfang hinaus"; "Pflanzenschutzmittel jeder Art"; Betretungsverbote für bestimmte Wege während der Kranichrast u.a.); bleibt bei der Benennung notwendiger Maßnahmen aber sehr vage. Zur VO hier.

  3. Die moorschonende Stauhaltung würde weiteren Moorabbau verhindern; kann aber nur praktiziert werden, wenn alle Landwirte eines über das Grabensystem zusammenhängenden Vernässungs-gebiets mitmachen. Zur Ausschreibung hier.

  4. Größere Teilflächen liegen als Folge der Bewirtschaftung (Torfabbau, landwirtschaftliche Nutzung mit Umbruch) heute schon 1-2 m tiefer als der Wasserspiegel des Rhin. Folge sind aufwändige Wasserbaumaßnahmen - das krasse Gegenteil von Nachhaltigkeit.

  5. Die letzten Moore in Deutschland als "Hotspots" der Arten- und Landschaftsvielfalt und als Kohlenstoffsenke? Es wird viel davon geredet und sehr wenig dafür getan. Leider ist auch das Obere Rhinluch ein trauriges Beispiel für diese Art von Umweltpolitik.

Literatur: KRETSCHMER H. (Hrsg.); Ökologisches Entwicklungskonzept Oberes Rhinluch, ZALF-Bericht 43, Müncheberg 2000, ISSN 0943-7266

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